Viribus Unitis – Mit vereinten Kräften

Fellbach im Sommer 1891. Es gibt noch keine elektrische Straßenbeleuchtung, der Bahnhof liegt einen guten Kilometer außerhalb der Stadt und die Einwohnerzahl liegt unter 4000. Doch unter denen findet sich eine Handvoll Feuerwehrmänner, die einen Musikverein gründen wollen. Im Gasthaus zur „Rose“ wird das Vorhaben in die Tat umgesetzt: Acht Musiker und der Dirigent Herr Mosbrugger bilden die  Feuerwehrkapelle Fellbach.

Den ersten öffentlichen Auftritt hat die Kapelle ausgerechnet bei einer Beerdigung. Gut möglich, dass dabei besonders viele Tränen fließen, denn eine alte Festschrift berichtet darüber: „es klappte aber noch nicht recht.“

Zur gleichen Zeit haben einige andere Fellbacher dieselbe Idee. Unter der Leitung von Militärmusiker Wilhelm Herrmann gründen sie ihren eigenen Musikverein und machen der Feuerwehrkapelle Konkurrenz. Bald sehen beide Gruppen aber ein, dass es sinnvoller ist miteinander zu musizieren. Also sucht man einen Weg zusammen zu kommen. Durch Vermittlung des Feuerwehrkommandanten Georg Friedrich Seemüller gelingt es die beiden Kapellen zu vereinigen. Der „Musikverein Fellbach“  hat mit zehn Mitgliedern allerdings mehr Buchstaben als Musiker.

1904 übernimmt Bruno Göllner als Dirigent den Musikverein, der gleichzeitig auch Feuerwehrkapelle ist. Durch fleißige und intensive Probenarbeit werden beachtliche Erfolge erzielt. Leider nicht bei den Mitgliedszahlen. Die bleibt, auch bedingt durch den Ersten Weltkrieg, an zwei Händen abzählbar.

Dissonanzen – Der geteilte Verein

Im Laufe der Jahre kommt es zu Unstimmigkeiten und so gründen ein paar Musiker 1921 ihren eigenen Musikverein, den „Orchesterverein Fellbach“. Mehr als zehn Jahre machen sie damit dem ursprünglichen Musikverein Konkurrenz.

Der Musikverein lässt sich davon aber nicht beeindrucken. Ebenfalls 1921 ruft er ein eigenes Streichorchester ins Leben. Unter der Leitung von Hans Donus feiert es bald große Erfolge.

Die Goldenen Zwanziger wirken sich dann auch endlich positiv auf die Mitgliederzahlen aus. 1926 feiert der Musikverein sein 35-jähriges Jubiläum schon mit 27 aktiven Musikern.

Viribus Unitis – Teil 2

1933 ist dann Schluss mit dem ewigen Wettkampf. Nicht ganz freiwillig wird aus dem „Musikverein“ und dem „Orchesterverein“ die „Orchestervereinigung Fellbach“. Noch im selben Jahr wird Fellbach zur Stadt ernannt. Das hat auch Auswirkungen auf die Orchestervereinigung. So ist am 18. Oktober 1933 im „Fellbacher Tagblatt“, der damaligen Zeitung, folgendes zu lesen:

Von diesem Tage an hat die Stadt Fellbach eine Stadtkapelle. 1935 übernimmt Karl Gerlach das Amt des Dirigenten. Unter seiner Stabführung machen das Blas- und  Streichorchester beachtliche Fortschritte. Der Name „Stadtkapelle Fellbach“ ist im  ganzen Land bekannt.

Doch der 2. Weltkrieg macht auch vor der Stadtkapelle nicht Halt. Viele Musiker werden eingezogen. Einige kehren nicht mehr zurück, darunter auch Karl Gerlach.

Da Capo – Alles auf Anfang

55 Jahre nach der Gründung des Musikvereins steht man wieder ganz am Anfang. 1946 wagt eine Handvoll von Idealisten unter der Leitung des Chorführers Fritz Hobert einen Neubeginn. Der Anfang ist schwer. Aber das Durchhaltevermögen zahlt sich aus.

1948 wird Dr. Max Graser als Stadtoberhaupt wiedergewählt. Damit hat die Stadtkapelle wieder einen wichtigen Gönner als Rückhalt. Im selben Jahr wird Eugen Leibbrand Kapellmeister und mit ihm wächst der Verein zu neuer Blüte.

1949 wird eine Jugendkapelle gegründet, die wenige Jahre später das große Blasorchester verstärkt. 1950 wird das Streichorchester wieder ins Leben gerufen. Schon im selben Jahr erreicht die Stadtkapelle beim Bundesmusikfest in Lauffen/Neckar beim Wertungsspiel mit „Vorzüglich“ die höchste Note.

Ich hatt‘ einen Kameraden

1966 kommt Eugen Leibbrand bei einem tragischen Autounfall ums Leben. Neben der Stadtkapelle trauern auch viele Fellbacher um diesen herausragenden Musiker. Sein Nachfolger wird Horst Tietzel. Die Stadtkapelle pflegt auch weiterhin den Kontakt zu den Partnerstädten. Bei einem Besuch in Frankreich dirigiert der damalige Bürgermeister von Tain L‘Hermitage die Fellbacher Musiker (Bild oben, rechts neben ihm steht Horst Tietzel, links neben ihm Dr. Guntram Palm).

Gruß aus Fellbach - Die Ära Willy Lange


1970 übernimmt Willy Lange den Dirigentenstock. Dieser Vollblutmusiker bringt der Stadtkapelle neue Impulse und musikalischen Auftrieb. Bei Konzerten spielt er oft  auch selbst an der Posaune oder der Tuba, die er beide perfekt beherrscht.

Außerdem ist er Komponist und Arrangeur zahlreicher Werke für Blasmusik. Einige Noten mit Langes unverkennbarer Handschrift hat die Stadtkapelle noch heute im Programm.

1974 verleiht Fellbachs Oberbürgermeister Dr. Guntram Palm Willy Lange den Titel „Städtischer Musikdirektor“. Die Stadtkapelle ist fester Bestandteil wichtiger städtischer Ereignisse. So spielt sie bei der Eröffnung der Schwabenlandhalle und natürlich jedes Jahr beim Fellbacher Herbst. Regelmäßig werden auch Musikaufnahmen in den Studios des SDR (heute SWR) aufgenommen.

Unter Willy Lange gelangt auch die Jugendkapelle zu neuer Blüte, mit über 50 Musikern. Bei Wertungsspielen verzeichnet sie mehrmals große Erfolge.

Pro Musica – Wir haben Grund zum Feiern!

1991 feiert der Verein sein großes Jubiläum: 100 Jahre Stadtkapelle Fellbach. Dafür erhält sie die Pro-Musica-Plakette. Diese Auszeichnung erhält ein Verein, wenn er seit 100 Jahren besteht und „volksbildende Verdienste“ nachweisen kann.
Für die Stadtkapelle kein Problem.

Gefeiert wird ein ganzes Wochenende lang. Am Freitag der Festakt mit einem Jubiläumskonzert in der Schwabenlandhalle. Am Samstag ein Ball mit der Big Band der Bundeswehr ebenfalls in der Schwabenlandhalle und am Sonntag eine große Hocketse auf dem Kirchplatz mit befreundeten Kapellen.

Doch das Jahr der Feierlichkeiten beginnt mit großer Trauer. Im Januar stirbt der langjährige Dirigent Willy Lange. Wieder trauert ganz Fellbach um einen verdienten Musiker.

Ein Lied geht um die Welt

Neben den Auftritten in der Heimat und den Partnerstädten präsentiert sich die Stadtkapelle im neuen Jahrtausend auch regelmäßig im Ausland. Im Jahr 2000 spielt sie mit Dirigent Rainer Neher im englischen Southampton auf dem dortigen
Oktoberfest.

2002 übernimmt Axel Berger das Amt des Dirigenten. Mit ihm reist die Stadtkapelle nach China und nimmt dort beim 6. Internationalen chinesischen Folklore-Festival teil. 2012 geht die Reise wieder auf einen anderen Kontinent: nach Südafrika. Neben einem Besuch im Krüger-Nationalpark hat sie mit verschiedenen Gruppen Gemeinschaftskonzerte.
2014 wird Sebastian Rathmann Dirigent, 2017 folgt Simon Mink. Seit Januar 2019 dirigiert Martin Wellmann das große Blasorchester.